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Beyond the Bike | Steve Smith

Als 2013 das World Cup Finale in Leogang ausgetragen wurde, war Steve Smith in Top-Form und startete mit zwei Siegen in Folge in das letzte Rennen der Saison, er hatte Momentum. Als die Anzeige grün leuchtete, wurde Gee Athertons Gesicht immer länger und Stevie hatte es geschafft. 21 Jahre nachdem er die Stützräder von seinem Fahrrad nahm, war er World Cup Sieger.

2014 erlangte nicht die gleiche Magie. Smith hat sich noch vor Beginn der Saison den Knöchel gebrochen und fiel damit die ersten zwei World Cup Runden aus. Er hatte ein starkes Comback in Fort William, nur knapp vorbei am 5. Platz, der mit 0,991 Sekunden Vorsprung an Gee Atherton ging, was nach so einer schweren Verletzung aber immer noch eine starke Leistung war. 2015 will Stevie wieder ganz nach oben, aber bis jetzt haben das noch nicht viele geschafft. In dieser Folge von Beyond the Bike blicken wir auf die Basis von Stevies Rennkarriere und seinen Charakter, der nur auf eine Sache ausgerichtet ist, nämlich Rennfahren.

Im Downhill World Cup gibt es zwei verschiedene Typen von Rennfahrern, diejenigen, die in die Welt der Geschwindigkeit hinein geboren wurden und diejenigen, denen dies nicht vorbehalten war. Die Unterschiede zwischen den Fahrern verblassen mit ihrer Erfahrung, aber ihre Basis wird niemals verschwinden. Büroangestellte vs. Arbeiter. Industriell gefertigt vs. selbstgemacht. Reinrassig vs. Mischling. Steve Smith (oder Stevie – es spielt keine Rolle) gehört zur letzteren Gruppe. Er wurde in eine Welt hinein geboren, die absolut nichts mit Mountainbiken zu tun hatte, in der es aber viel Liebe und einen unendlichen Antrieb gab und ein paar Leute, die in ihm etwas ganz Besonderes gesehen haben.

Den meisten Leuten, die an ihre ersten Erinnerungen auf einem Fahrrad zurück denken, kommt vielleicht in den Sinn, wie sie ein paar Meter ohne die Unterstützung ihrer Eltern gefahren sind oder älteren Geschwistern hinterher gejagt haben. Tiann, Stevies Mutter, erinnert sich daran, wie ihr Sohn im Alter von 2 Jahren mit älteren Freunden Fahrrad gefahren ist. So klein wie er war, brauchte er Stützräder. Die älteren Kinder haben gerade gelernt ohne klar zu kommen, als sie aus dem Fenster schaute und den kleinen Stevie rum fahren sah – ohne Stützräder. Von diesem Moment an waren Fahrräder seine Welt.

Steve ist Tianns zweites und jüngstes Kind. Nachdem sie sich von Steves Vater scheiden ließ als er zwei war, hat sie ihn und seine Schwester alleine in Cassidy (British Columbia) groß gezogen. Es gibt Mütter, die ihre Kinder unterstützen. Es gibt Mütter, die sehr stolz auf ihre Kinder sind. Und dann gibt es noch Tiann, die die Gravity Szene liebt und Stevies größter Fan ist. Sie wird immer noch emotional, wenn sie ihm bei den Rennen zu sieht, sie verpasst keinen World Cup Livestream und sie wusste von dem Tag an, an dem ihr zwei Jahre alter Sohn ohne Stützräder gefahren ist, dass sie alles daran setzen würde, damit er Erfolg hat.

Nachdem sich Tiann kein gutes Fahrrad für Steve leisten konnte, hat ihre Mutter einen Jahresvorrat an Kuchen bei Bill Monahan eingetauscht, der zu dieser Zeit einen Bike Shop hatte und Steve mit einem Free Agent BMX ausstatten konnte. Steve hat mit sieben Jahren angefangen BMX Rennen zu fahren und war schnell sehr erfolgreich. “Er konnte einfach nicht verlieren”, erinnert sich Tiann. “Es gab eine Altersgrenze, weswegen sie ihn nicht einfach in der nächsten Klasse starten ließen.” Während er immer noch auf BMX Bikes unterwegs war, hat Steve durch die Crew von Monahans Shop erste Erfahrungen mit Mountainbikes gemacht. Er ist einfach auf jedem alten Bike, das er irgendwie auftreiben konnte, mit gefahren. Irgendwann hat er aufgehört an BMX Rennen teilzunehmen, weil es einfach keine Herausforderung mehr für ihn war, aber schon kurz danach hat der Downhill für sich entdeckt. Auf einem geliehenen Santa Cruz Bullet hat Steve sein erstes richtiges Gravity Rennen gewonnen und das sogar mit über einer Minute Vorsprung in der U15 Klasse. Er hatte damit auch die schnellste Zeit unter den Junioren und ist in der Elite Klasse auf Platz 3 gekommen. Das Ausnahmetalent war damit bestätigt.

Leogang World Cup Finale 2013

Von seinem ersten Sieg beim BC Cup Finale zum World Cup Finale in Leogang. Steve hat sich bis zum Ende zusammen gerissen und konnte den Sieg mit nach Hause nehmen – und das bei einer der spannendsten Saisons seit Jahren. 2013 gab es einen harten Wettkampf zwischen Gee Atherton und Steve Smith. Smith konnte am Ende gewinnen und wurde damit auch der erste Kanadier, der den Gesamttitel holen konnte.

Steve ist ab Minute 7 zu sehen.

Sein erstes Sponsoring kam von niemand Geringerem als dem Kuchen-Mann, Bill Monahan. Bewaffnet mit einem neuen Bike brauchte Steve nur etwas zusätzliche Kohle, um seiner Mum dabei zu helfen, für all die Reisekosten aufzukommen. Zu dieser Zeit hat er angefangen bei Tim Hortons zu arbeiten, was auch der einzige “richtige” Job war, den er jemals hatte (Anmerkung: Tim Hortons ist ein kanadischer Donut/Kaffee-Laden). Während ihm auf dem Bike so schnell keiner etwas vor machte, war er bei Tim Hortons nicht gerade erfolgreich. Nachdem er eine Kundin beschimpfte musste er seinen Platz im Service schnell eintauschen und wurde zum “Donut Bäcker” degradiert, also im hinteren Teil des Ladens versteckt. Heute lacht er darüber. “Ich hielt es für eine echte Beförderung,” sagt er lächelnd, “aber ich habe seitdem keinen Tim Hortons Donut mehr gegessen.”

Mit dem neuen Bike und seinem Einkommen im Schlepptau, ging es für Steve und Tiann bei den BC Cups und Canada Cups erst richtig los. Es dauerte nicht lange, bevor auch einige Bike VIPs auf Steves Ergebnisse aufmerksam wurden. Gabe Fox, der Steves Siege während seiner gesamten Junior Karriere beobachtet hatte, zögerte nicht lange und nahm ihn für Cove Bikes unter Vertrag. Zur gleichen Zeit wurde der 15 jährige Steve von Darcy Wittenberg von The Collective für sein Segment in Seasons eingeplant, das mittlerweile Kult Status erreicht hat. Nach dem Erscheinen des Films, wurde aus Steve so eine Art Cinderella Story – der Junge von Cassidy, British Columbia, der ohne alles da stand und jetzt eine echt Chance hatte, Kanada auf der sprichwörtlichen Downhill Landkarte zu verankern. Zu diesem Zeitpunkt wurde er von Red Bull Kanada unter Vertrag genommen und bis heute haben sie mit keinem Bike Athleten länger kooperiert als mit ihm. “Ich hatte keine Ahnung, was sie in mir gesehen haben”, sagt Seve. “Sie haben mich zu ein paar Abendessen eingeladen und wollten mich kennenlernen. Und als ich mich ein Mal wieder mit ihnen treffen wollte, waren alle meine Freunde in einem Raum versammelt und sie haben mir den Helm überreicht. Ich wurde vollkommen umgehauen.”

Steve hat den Ruhm, der mit dem Red Bull Helm einhergeht, zweifelsohne verdient und seine Rennkarriere spricht für sich, besonders, wenn man bedenkt, dass er gerade mal 25 Jahre alt ist – 12 World Cup Podiumplätze, zwei Mal auf dem Treppchen bei den Weltmeisterschaften und ein World Cup Gesamtsieg. Damit geht er in die Geschichte ein und Steve ist auch sehr stolz darauf, aber er will noch mehr erreichen. “Jeder will Weltmeister werden. Das ist für einen Tag verdammt viel Druck, aber ich hätte wirklich gerne die Goldmedaille”, sagt er nachdrücklich. Nach zwei gebrochenen Knöcheln 2014, geht er 2015 wieder wildentschlossen an. Einer seiner großen Vorteile ist, dass er sein Training wirklich liebt. Egal, ob er im Fitness Studio Gewichte hebt, Treppen läuft oder beim Cross Training ist – er genießt das alles und freut sich sogar darauf. Letzten Dezember hatte er sich vorgenommen so viel Fahrrad zu fahren, bis er keinen Spaß mehr daran haben würde. Er hat es nicht geschafft.

Wenn er nicht auf dem Bike sitzt, dann ist Steve ein wirklich sanftmütiger Kerl. Er ist ruhig, aber er hat diesen schwarzen Humor, der immer mal wieder durch kommt. Keiner weiß das besser als sein großer, fetter, schwarzer Kater, Jamal, der schon seit drei Jahren mit ihm zusammen lebt. Steves Haus liegt an der Departure Bay, es ist sorgfältig organisiert, was vielleicht (oder vielleicht auch nicht) seinen Perfektionismus zeigt. Aber eine Sache steht fest, er kann es überhaupt nicht leiden, wenn irgendetwas planlos läuft oder Zeit verschwendet wird. Er kann wirklich nicht gut still sitzen und fühlt sich am wohlsten, wenn etwas  – wirklich irgendetwas – erreicht wird. Diese Charaktereigenschaft überschreitet sein alltägliches Leben und zeigt sich auch in seiner Fahrrad Welt, da es so etwas wie einen freien Tag für Steve einfach nicht gibt. Nie. Selbst als er verletzt war, hat er jeden Tag im Fitness Studio verbracht. Sein sechster Platz in Fort William, nachdem er Monate lang nicht auf dem Fahrrad saß, war damit sicherlich kein Glücksfall.

Spaß auf dem Fahrrad haben - das ist die Grundlage für Stevies Karriere.

Also, was haben Tiann, Bill Manahan, Gabe Fox, Darcy Wittenberg und Red Bull schon so früh in Steve gesehen? Bevor er überhaupt Rennen gefahren ist und Ergebnisse erzielen konnte, waren die Leute auf seiner Seite. Lange bevor der Oberlippenbart zu seinem Markenzeichen und Chainsaw zu seinem Spitznamen wurde, war Steve einfach ein fokussierter Junge, der es wirklich geliebt hat auf dem Fahrrad ordentlich Gas zu geben. Vielleicht haben sie ihn als außergewöhnliches Beispiel für jemanden gesehen, der mit genügend Einsatz und Hingabe von der wahrscheinlich besten Mutter der Welt, ein kleines Hobby zu einer historischen Karriere ausbauen könnte. Er ist zu der Ikone geworden, die er sonst so bewundert hat. “Es ist komisch der Typ zu sein, zu dem die Kids hoch schauen”, sagt er leise. Der kleine Stevie Smith ist zu einem World Cup Champion geworden und zu einer Mountainbike Legende geworden und hat damit bewiesen, dass es wirklich jeder schaffen kann.

Hier gibt es alle bisherigen Folgen von Beyond the Bike.

 

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