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Auf einen Kaffee mit Giacomo! ©Oliver Fuhrmann

77designz: Inhaber Giacomo Großehagenbrock im Interview

30 Jahre, verheiratet, gelernter Feinmechaniker, entwickelt Bikeparts und kommt aus dem katholischen Münsterland. So könnte man Giaco, wie ihn seine Freunde nennen, vorstellen. Da ist aber mehr! Ein total sympathischer, entspannter Typ der Gattung Lebenskünstler, mit dem man gern unterwegs ist, weil er unkompliziert und begeisterungsfähig ist. Und was das Radfahren betrifft, er kann auf jedem Rad fast alles! Ich habe ihn schon 360er und Backflips auf seinem Hardtail drehen sehen. Auf seinem Big Bike ist er schnell und springt eigentlich alles, was ihm vor die Räder kommt. Bei der Megavalanche stand er schon mehrmals im Hauptrennen und bei der SSES in Riva wurde er dieses Jahr Zehnter bei den Masters.

Giacomo, stell dich bitte einmal kurz vor!

Mein Name ist Giacomo, ich bin der Gründer und Geschäftsführer von 77designz. Ich entwickle gerne Fahrradteile. Allerdings nur, wenn ich denke, dass ich etwas leichter, besser oder einfach nur schöner machen kann, im Vergleich zu dem, was auf dem Markt existiert. Wenn ich da keine Ansatzpunkte finde, reizt es mich nicht und ich nutze die Zeit lieber zum Radfahren.

Wie bist du zum Mountainbike gekommen?

Ich habe mit 15 Jahren mein Hollandrad gegen das Kinder-MTB von meiner Schwester getauscht und habe angefangen, im Skatepark zu fahren. Das ist nun 16 Jahre her. Mit dem Mountainbiken habe ich aber erst richtig nach meinem Praktikum bei Nicolai angefangen. Dadurch kam ich in die Rennszene und fuhr 2001 in Rittershausen mein erstes Rennen auf einem Hardtail.

Fährst du noch regelmäßig selbst auf dem Bike?

Klar! Früher habe ich immer gesagt, dass ein Job in der Bike-Branche für mich nicht in Frage kommt, weil man dann meistens arbeiten muss, wenn die Freunde ballern gehen. Aber in der Entwicklung merkt man diesen Effekt nicht so sehr. Ich fahre momentan alles, was Spaß macht, vom lokalen DH-Rennen über die Enduro Series bis hin zum Megavalanche in Alpe d´Huez. Außerdem arbeite ich gerne an Film- und Foto-Projekten.

Was hast du gelernt?

Alles und nichts. Fachabitur für Design, Praktikum bei Nicolai, zwei Semester Maschinenbau, Ausbildung zum Feinwerkmechaniker. Aber zur Beruhigung: Mein Partner Stefan Mundorf hat ganz klassisch Maschinenbau-Ingenieur gelernt und zeichnet bei uns auch für die meisten Konstruktionen verantwortlich.

Du hast im letzten Jahr für Emanon gearbeitet und bist jetzt wieder selbstständig. Erzähl mal bitte, wie der Wechsel zustande kam!

Emanon war zu klein, um mich Vollzeit bezahlen zu können, das mussten wir Anfang des Jahres einsehen. Da ich aber die Finger nicht vom Entwickeln lassen kann und mir wirklich jeder gesagt hat, dass es schade sei, das wir nichts mehr unter 77designz machen, kam im Frühjahr mein Entschluss, wieder mit aller Liebe mein eigenes Ding zu machen.

Seit wann betreibst du 77designz?

Als richtige Firma seit Sommer 2007, aber das Label gibt es schon seit mehr als zehn Jahren.

© Oliver Fuhrmann

Was ist genau dein Job bei 77designz?

Bei 77designz bin ich das Mädchen für alles, von Buchhaltung über Produktmanagement, Grafik- und Web-Design bis hin zu Produkt-Design, Entwicklung, Testing und Produktionsmanagement.

Was war das erste Produkt, das du für 77designz entwickelt hast und wann war das?

Das erste Produkt war eine Kettenführung mit Bashguard komplett aus Aluminium. Ihr Name war Freesolo und der Jürgen von Alutech hat für uns in den ersten zwei Jahren den Vertrieb und die Produktion gemacht. Das war eine super Sache für uns.

Ihr habt eine neue Kettenführung, kannst du uns darüber etwas erzählen?

Ja, das Ding ist der Hammer! Es wird zum einen die leichteste und zum anderen die günstigste Kettenführung, die meines Wissens nach erhältlich ist. Jochen Forstmann von LAST hatte mich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, für die 1×11 Antriebe von SRAM eine Kettenführung zu machen. Anfangs war ich skeptisch und dachte, so ein Produkt sei unnötig. Als ich dann allerdings bei meinem X01 Antrieb das erste Mal die Kette verloren habe und anschließend nach jeder Kurve, erst mal schauen musste, ob die Kette noch drauf ist, war das Vertrauen gestört. Ab diesem Moment habe ich mich mit Vollgas ans Entwickeln gemacht. Und heraus gekommen ist die Freesolo 2.0, das erste Produkt von 77designz nach der Pause.

Kannst du uns anhand eurer neuen Kettenführung mal erklären, wie ein neues Produkt bei euch entsteht?

Den Teil, wie man feststellt, was die Leute so brauchen, habe ich ja schon geklärt. Kommen wir hier also zum Teil der Entwicklung: Ich starte meistens direkt am Rechner. Da lege ich alle für die Konstruktion wichtigen Schnittstellen fest. Das sind in diesem Fall: Kettenlinie, Montage-Standards wie ISCG oder High Direct Mount, Kettenblattgrößen und Einlaufwinkel der Kette. Stehen diese Rahmenbedingungen, versuche ich eine Form zu finden. Ist diese gefunden, gebe ich die Sachen gern zum 3D-Drucken – um zum einen genau zu wissen, wie das Teil in der Realität aussieht und zum anderen habe ich dank modernster Verfahren auch gleich Funktionsmuster, die zum Testen auf die Trails gehen können. Dieser Prozess hat sich bei diesem Projekt zweimal wiederholt. Die Teile haben zwar sofort funktioniert, aber bevor man für die Serienproduktion ein paar tausend Euro für die Spritzguss-Form investiert, muss man sich sicher sein, dass die Form gefällt. Das war der Teil zur Entwicklung, von da an ist Fertigung, Vermarktung und ständige Qualitätskontrolle angesagt.

Wie lange dauert der Prozess?

Die Entwicklungszeit für diese relativ einfache Kettenführung hat drei Monate gedauert, allerdings laufen viele Prozesse parallel und somit ist das nicht die reale Arbeitszeit. Was jetzt noch ansteht, sind Varianten: High Direct Mount, S3, Pressfit und eine Version mit Crashplate.

Welchen Einfluss haben bei euch die einzelnen Teamfahrer und gibt es da Unterschiede in der Zusammenarbeit bei Dirt-, 4X- oder Downhill-Fahrern?

Tatsächlich fahren unterschiedliche Fahrer sehr unterschiedliche Testergebnisse raus. Früher hatten wir mit unseren Kettenführungen im Downhill keinerlei negative Rückmeldungen, wobei Stefan Scherz und Petrik Brückner im 4X Probleme hatten. Es kann allerdings auch anders laufen, so wie 2009, als Steven Rollnik und ich die ersten Downhill-Prototypen vom CAN DH-Rahmen getestet haben und jeden konstruktiven Fehler nahezu zeitgleich rausgefahren haben. Es ist also wichtig, verschiedene Testfahrer aus unterschiedlichen Bereichen zu haben, um eventuelle Produktschwächen vor der Serienproduktion auszumerzen.

Lasst ihr auch Prototypen in Deutschland oder anderen Ländern in Europa fertigen oder kommt alles aus Asien?

Wir haben bislang alles, was Rahmenbau angeht, in Deutschland gemacht. Teilweise helfen mir alte Arbeitskollegen bei der Anfertigung von Prototypen, aber meistens machen wir das direkt mit den Herstellern, die dann wahlweise in Deutschland, den USA, Taiwan oder China sitzen.

Du sagst ja, dass ihr mit 3D-Druckern arbeitet – was macht ihr genau damit?

Ja, wir arbeiten mit 3D-Druckern. Das ist sehr hilfreich, um sich die Dimensionen eines Produkts klar zu machen, am Rechner verliert man da schnell das Gefühl. Die Technik ist heute so weit, dass wir z.B. aus Nylon verschleißfeste Kettenführungsteile drucken und testen können. Des Weiteren kann man heutzutage auch Stahl drucken und somit Sachen realisieren, die vor Kurzem noch undenkbar waren. Wie zum Beispiel hohle Ausfallenden, was aber noch recht teuer ist – für Kleinstserien aber oft eine super Alternative.

Was sind die größten Probleme, die bei der Entwicklung eines neuen Produktes auftauchen können?

Meistens fangen die Probleme dann an, wenn man etwas wirtschaftlich herstellen will. Hier ist es sehr wichtig, schon während der Konstruktion zu wissen, welche Verfahren für die Produktion in Frage kommen. So kann man sich viel Geld und Ärger sparen.

© Oliver Fuhrmann

Wie weit im Voraus plant ihr schon eure neuen Produkte – woran arbeitest du im Moment?

Ehrlich gesagt, habe ich aktuell noch keine Zeit für neue Produkte, da ich vor allem am Comeback von 77designz arbeite. Wir fangen erst mal ganz bescheiden an. Für uns ist oberste Priorität, dass die Firma super Qualität macht und wirtschaftlich gut funktioniert. Wenn das alles läuft, gibt es die nächsten Produkte, Schritt für Schritt. Aber klar gibt es schon jede Menge Ideen für neue Produkte, die ich so bald wie möglich in Angriff nehmen möchte…

Was glaubst du, wird es in Zukunft für neue Produkte im Mountainbike-Bereich geben oder haben wir jetzt alles schon gesehen?

Das wichtigste Thema sind Reifen. Ich hoffe, dass hier noch ganz viel passiert. Was Schwalbe gerade macht, hört sich interessant an, aber was die Motocrosser mit Mousse machen, hört sich noch spannender an. Mal sehen, was da kommt.

Wie wird es mit 77designz weiter gehen?

Was klar ist, dass wir super Zubehör für super Mountainbiker machen werden. Nebenbei gibt es aber auch Pläne, dass wir ergänzend dazu unser Knowhow anderen Firmen anbieten wollen. Am liebsten würden wir Bike-Firmen bei der Entwicklung von Fahrradrahmen unterstützen, da wir 77designz selbst als reine Zubehör-Marke sehen, aber in den letzten Jahren viel Erfahrung im Entwickeln von Rahmen gemacht haben.

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