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Wenn Downhill plötzlich Enduro geht – Ein Reisebericht

Alexandra Wohlgensinger, durch und durch Downhillerin, hat sich dazu entschlossen, ihre sicheren Schweizer Wurzeln gegen ein Bike-Abenteuer in der spanischen Sierra Nevada zu tauschen! Fullface wird gegen Enduro-Helmchen und Neckbrace gegen Camelbag getauscht! Was passiert, wenn Downhill plötzlich Enduro geht, lest Ihr in Alex’ amüsanten “Reisebericht”!

Vom Downhill zum Enduro

Traurig steht er da. «Nein, heute wieder nicht», sage ich und streiche sanft über seinen perfekten Körper. Das schlechte Gewissen plagt mich. Wieder gehe ich mit seinem kleinen Bruder fremd – das ganze läuft schon seit bald einem Monat. Ich seufze, schaue wehmütig auf seine stolzen 200mm, werfe einen Blick zurück zum Neckbrace, das einsam an der Wand hängt und verabschiede mich mit einem Kloß im Hals von meinem Fullface und der perfekt dazu passenden Goggle. Ich packe meinen Rucksack mit integriertem Rückenpanzer, setze die unzerstörbare Sonnenbrille auf und verlasse mit meinem Enduro-Rad die Wohnung.

Es war Liebe auf den ersten Blick – das Downhillen und ich! Keine Umwege über Crosscountry, BMX oder Allmountain. Speed, Straightlines und Sprünge. Das Universum wollte es jedoch, dass mich ich in einem fünfmonatigen Bootcamp der Welt des Enduros annähere. Und dass diese Welt eine andere ist, merkte ich schon bei der Wahl des neuen Spielzeuges. Ziemlich schnell kam die heikle Frage der Radgröße auf: 26, 27,5 oder gar… nein, ich mag es gar nicht aussprechen! Welche Erleichterung, dass meine Marke noch Enduro-Räder mit meinen geliebten 26er herstellt. Und dann gleich die nächste Frage: Die 160er Federgabel erscheint mir so klein, reicht das denn? Ja, wurde mir gesagt. Na darauf vertraute ich einfach mal.

Groß gegen klein!

Als es dann endlich zum ersten Treffen zwischen «dem Neuen» und mir kam wurde ich von den vielen verschiedenen Hebelchen überrascht, die man switchen, blockieren, liften und was auch immer kann. In den letzten Wochen fand ich dann heraus, dass «mein Neuer» im Vergleich zu anderen Enduro-Rädern noch ein einfacher ist. Ganz neue Sphären taten sich mir auf: GPS-Tracker, elektrische Federsysteme und weitere Robo-Bikes die piepsen und blinken… R2D2 in Fahrradform; ach, wie vermisse ich meinen einfachen Downhiller, ohne Schälterchen und Lichtlein – robust und zum Pflügen gebaut.

Die ersten Schritte, ääh… Tritte!

Mit der Motivation eines blutigen Anfängers tritt ich also bei meiner ersten Tour kräftig in die Pedalen und hui, welch ein Unterschied. Mit meiner 2×10 Schaltung habe ich ja Gänge zum versauen, die Federung kann ich auch blockieren und dank der Talas Gabel sind auch steile Anstiege plötzlich ein Klacks… Die anfängliche Euphorie verflüchtigte sich jedoch ziemlich bald, denn, obwohl meine Fitness dank joggen, klettern und bergsteigen keine schlechte war, musste ich feststellen, dass diese Pedaliererei ganz andere Muskeln beansprucht. Und so fand man Klein-DH-Girl ziemlich bald am Schluss der Gruppe – fluchend, wie ein Rohrspatz. Wieso soll ich mich denn um Himmelswillen derart abmühen, wenn man einfach shutteln könnte???

So kommt man doch viel schneller den Berg hoch!?

Das ganze Leid war jedoch schlagartig vergessen, als es dann endlich den Berg runter ging. Bei einem übermütigen Manöver und dessen Folgen musste ich dann noch feststellen, dass mein Fullface zu Hause und nicht auf meinem Kopf platziert ist. Sogar das Hinfallen wird beim Enduro komplizierter… Unten angekommen blühte dann doch etwas Stolz in mir auf. Den ganzen Anstieg für den Spaß selbst gemeistert… hmmm, aber laut zugeben durfte ich das dann doch nicht.

Die Welt verändert sich

Ein Monat ist nun schon seit meinen ersten Schritten… ääh Tritten in der Enduro-Welt vergangen. Mittlerweile denke ich vor den Aufstiegen daran, meine Dämpfer zu blockieren. Und mittlerweile pedaliere ich sogar freiwillig täglich meine 600 Höhenmeter auf 12 Kilometer den Berg hinauf – schwitzend, nicht mehr fluchend, nur ab und zu etwas stöhnend.

Hilfe, kann mir jemand ein Enduro-Fieberthermometer besorgen, ich fürchte ich hab mir einen Virus eingefangen.

Meine Boot-Camp-Kollegen nennen mich nur noch Enduro-Girl – natürlich um mich zu ärgern. Natürlich kämpfe ich immer noch (wer tut das nicht?). Meine „Idioten-fall-zur-Seite-weil-ich-nicht-rechzeitig-aus-meinen-Clicks-komme“-Stürze werden jedoch täglich weniger. Weniger… ganz ausgemerzt sind sie noch nicht. Vor allem in technischen Parts, bei denen mir die Schwerkraft nicht zur Hilfe kommt, sprich geradeaus oder Uphill, bleib ich dann öfters mal hängen – an Steinen und an Clicks – und lege mich mehr oder weniger sanft zur Seite. Und wie zuvorkommend diese Enduristen dann sind. Bei den Downhillern kümmert sich keine Sau um deinen körperlichen Zustand, solange dein Bein nicht in eine unnatürliche Richtung schaut. Die Enduristen jedoch rennen dir bei jedem kleinsten Kratzer sofort zur Hilfe.

Ob die sich wohl verstehen? Enduro meets Downhill!

In den letzten Wochen wurde zudem mein Rucksack zu meinem Verbündeten. Da ist einfach alles drin was das Mädchen braucht: Ein cooles Cap für Pausen, Ersatzteile, Energieriegel, Werkzeug, Erste-Hilfe-Kit (immer mit dabei: Ein Totenkopf- und ein Hello-Kitty-Pflaster) und natürlich der Kamelbeutel, welchen ich früher jeweils abschätzig begutachtet habe (weil der ja sooooo Enduro ist). Gefüllt ist dieser jedoch nicht mit den trendigen Sportdrink-Pülverchen, die alle in sich reinschütten. Nein, ein herrlich ungesunder Mix aus Monster-Energy-Rehab und Wasser gibt mir bei strengen Uphills den nötigen Boost. Für etwas Downhill-Manier muss schließlich auch in der Enduro-Welt Platz sein!

Im August werde ich für einen Monat von meinem Boot-Camp freigestellt und dreimal könnt ihr raten, was ich dann in dieser Zeit machen werde – genau! Dann werde ich den kleinen Bruder endlich mal wieder zur Seite stellen und mich meiner großen Liebe widmen. Denn ihr kriegt das Mädchen zwar aus dem DH raus, aber ihr kriegt das DH nicht aus dem Mädchen raus!

Alexandra Wohlgensinger war Redakteurin bei der Engadiner Post und lebt zur Zeit ihren Traum in Spanien – bei immer gutem Wetter täglich das Bike die Berge hoch und runter fahren. Mit Downhill im Switchbacks Camp Malaga fing alles an und nun betreut sie das Switchbacks Enduro-Camp in Bubión, Sierra Nevada!

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